Jeden 1. August hält die Schweiz inne, um über ihre Ursprünge nachzudenken. Wir erinnern uns an den mittelalterlichen Eid, der primo die mensis augusti im Jahr 1291 geschworen wurde – ein gemeinsames Versprechen gegenseitiger Verteidigung inmitten alpiner Täler.
Was es heute bedeutet, Schweizer zu sein, setzt jedoch die Erkenntnis voraus, dass unsere Nation nie über Blutlinien, stattliche Monarchien oder reines Finanzkapital definiert wurde. Sie entsprang einer gemeinsamen Überzeugung: Inmitten unerbittlicher Hanglagen und reissender Flussläufe, umringt von mächtigen europäischen Reichen, sollte ein freies Volk eine andere Vision gesellschaftlicher Ordnung schaffen – verwurzelt in Selbstbestimmung, Pragmatismus und menschlicher Würde.
1. August 1761: Der geistige Funke
Lange bevor der 1. August zum offiziellen Nationalfeiertag erklärt wurde, markierte er einen stillen Wendepunkt in der Entstehung des modernen Schweizer Staates.
Am 1. August 1761 begründete mein Vorfahr Salomon Hirzel (1727–1794) – Zürcher Staatsmann, Gelehrter und Arzt – zusammen mit Denkern wie Johann Jakob Bodmer in Schinznach-Bad die Helvetische Gesellschaft.
In einer Zeit, in der die Schweizer Kantone durch konfessionelle Konflikte und regionale Eigeninteressen tief gespalten waren, führte die Helvetische Gesellschaft führende Köpfe über Kantonsgrenzen hinweg zusammen. Salomon Hirzel und seine Mitstreiter erkannten: Bevor die Schweiz politisch zusammenwachsen konnte, brauchte sie ein gemeinsames moralisches und intellektuelles Fundament. Sie legten den Grundstein für eine aufgeklärte Eidgenossenschaft – nicht auf Eroberung gebaut, sondern auf zivilgesellschaftlichem Dialog, Verantwortung und dem Dienst am Gemeinwohl.
Bild Links: Buch cover-scan der Vollversammlung. Aus den Verhandlungen der Helvetischen Gesellschaft zu Aarau und Brugg : in den Jahren 1849 und 1858, von Société helvétique, 1859, H. R. Sauerländer’sche Officin / Internet Archive. In der public domain.
Verantwortung statt Privileg
Einen historischen Namen in Zürich – oder irgendwo in der Schweiz – zu tragen, ist kein Zeichen der Überlegenheit gegenüber einem jungen lokalen Landwirt, einer Handwerkerin oder einem neu angekommenen Immigranten. Die wahre Schweizer Tradition weist aristokratische Dünkel entschieden zurück.
Stattdessen ist ein familiäres Erbe eine Verpflichtung zur Verantwortung. Es erinnert an die Aufgabe, sich mit der Vergangenheit zu verbinden, Sorge zu tragen für Land und Institutionen und sicherzustellen, dass jene Werte, die eine kleine alpine Enklave zum Blühen brachten, für kommende Generationen bewahrt werden.
Das historische Überleben der Schweiz war nie eine Frage des Wohlstands allein; es wurde getragen vom Charakter ihrer Menschen und ihrer Bereitschaft zur Zusammenarbeit in Zeiten existenzieller Bedrohung.
Die Neutralität im globalen Gefüge
Dieser Geist des pragmatischen Überlebenswillens wurde beim Zusammenbruch der napoleonischen Ordnung auf eine harte Probe gestellt. Am Wiener Kongress (1814–1815) navigierten Schweizer Gesandte – unterstützt von Staatsmännern wie Hans Conrad Hirzel (1768–1843) in der Zürcher Regierung – durch ein hochvolatiles europäisches Umfeld.
Durch entscheidende diplomatische Weichenstellungen, insbesondere mit Zar Alexander I. von Russland (der vom Schweizer Philosophen Frédéric-César de La Harpe erzogen worden war), wurde die immerwährende Neutralität der Schweiz völkerrechtlich verankert und garantiert.
Dieser historische Moment unterstreicht ein zeitloses Schweizer Paradoxon: Unsere Unabhängigkeit verlangte schon immer ein aktives Engagement in der Welt. Neutralität war nie als passiver Isolationismus gedacht. Sie war als aktive Haltung konzipiert – damit eine kleine Nation ein offener, verlässlicher und stabiler Partner auf dem globalen Parkett bleibt, während sie gleichzeitig ihre heimischen Werte entschlossen schützt.
Weltoffenheit in einer sich wandelnden Welt
Wenn heute Industrie-Champions, Family Offices und Unternehmer geopolitische Spannungen, technologischen Umbruch und globale Unsicherheiten navigieren, bleibt das Schweizer Ur-Ideal von erstaunlicher Aktualität:
- Weltoffenheit ohne Identitätsverlust: Aktiven internationalen Handel und technologische Partnerschaften pflegen, während die kritische nationale Autonomie gewahrt bleibt.
- Mehrgenerationen-Verantwortung: Kapital, Unternehmen und Familienerbe mit Blick auf Generationen statt auf Quartalszahlen führen.
- Pragmatische Resilienz: Stabilität nicht durch Machtdemonstration aufbauen, sondern durch Vertrauen, Präzision und institutionelle Verlässlichkeit.
Wenn wir den 1. August feiern, rufen wir uns in Erinnerung, dass die Schweiz ein fortlaufendes Projekt ist – ein Projekt, das von jeder Generation verlangt, die tiefe Verbundenheit mit der Heimat mit einer offenen, konstruktiven Präsenz in der Welt auszubalancieren. Vor allem aber wird dieses Projekt vom Engagement, der Bescheidenheit und dem Geist seiner Menschen getragen. Unser Dank gilt allen Mit-Eidgenössinnen und Mit-Eidgenossen – vergangenen, heutigen und zukünftigen –, die diese gemeinsame Vision jeden Tag aufs Neue mit Leben füllen.
Allen Eidgenossinnen und Eidgenossen, unseren Kunden, Partnern und Freunden der Eidgenossenschaft wünsche ich einen besinnlichen und bedeutungsvollen 1. August!
